Kunden haben künftig viel mehr Einfluss darauf, was Firmen produzieren, prophezeit Konsumforscher David Bosshart. Im Gegenzug lassen sie sich bereitwillig immer leichter zum Kauf verleiten
Dr. David Bosshart leitet das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) für Wirtschaft und Gesellschaft bei Zürich. Der promovierte Philosoph forscht zur Zukunft des Konsums, zu Digitalisierung und Globalisierung

Herr Bosshart, wie sieht der Konsument von morgen aus? Werden wir verantwortungsvoller kaufen?
Es wird weiterhin Opportunismus vorherrschen. Nur in einzelnen Segmenten tut sich etwas: Bei Fleisch etwa ist der Druck von Umwelt- und Tierschützern sowie immer mehr auch von religiösen Minderheiten so stark, dass Kunden ihr Konsumverhalten ändern werden. Bei Bekleidung hingegen ist trotz steigender Transparenz der Produktionsbedingungen die Bereitschaft zum Umsteuern immer noch gering. Das gilt auch im Luxusbereich, in dem Stil und Qualität vorausgesetzt werden – jedoch keineswegs ökologische oder soziale Nachhaltigkeit.

Wird wenigstens exzessiver Konsum künftig durch sinnvolle Käufe ersetzt?
Ja und nein. Wir werden weiterhin viel konsumieren, aber selektiver. Wer keinen Mangel leidet und zwischen Angeboten wählen kann, wird erkennen, dass er gewisse Dinge schlicht nicht mehr braucht, etwa die 22. Vintage-Jeans.

Im Gegenzug geben Kunden immer mehr persönliche Daten preis. Wer hat hier eigentlich wen in der Hand?
Der Konsument wird sich künftig seiner Macht viel stärker bewusst und so seine Balance zwischen der Rolle des Diktators und der des Sklaven finden.

Wie meinen Sie das?
Einerseits gilt: Ich habe dank Digitalisierung vielfache Vorteile – Auswahl, Vergleichbarkeit, Verfügbarkeit, Schnelligkeit. Wenn du, Verkäufer, mir nicht gibst, was ich will, gebe ich dir nur noch negative Feedbacks, beeinflusse meine sozialen Netzwerke, blocke die Werbung. Andererseits sind die Übergänge vom Diktator zum Sklaven fließend: Ich lasse mich von den immer besseren Algorithmen führen und in die Enge treiben und kaufe, was ich gar nicht brauche.

Welche Folgen werden diese Steuerungsmechanismen auf unser Kaufverhalten haben?
Dank der selbstlernenden Algorithmen wird theoretisch der ganze Konsum immer plastischer und leichter vorhersehbar. Dadurch kann viel mehr automatisiert werden. Aufgrund der besseren Personalisierung werden klassische Läden noch stärker an Bedeutung verlieren. Die Konsumenten werden nicht mehr durch Werbung verführt, sondern durch Algorithmen geführt. Andererseits ist der Käufer der Zukunft auch ein Produzent von Daten, mit denen er auch handelt. Ist er mit einem aktuellen Anbieter unzufrieden, kann er die Daten an dessen Konkurrenten transferieren.

Interview: EVA TENZER

HIER finden Sie einen Film­beitrag über das Konsumverhalten der Zukunft