Wie lange geht die Party an den Börsen weiter? Drohen die Kurse einzubrechen? Wer seinen Vermögensaufbau strategisch angeht, kann gelassen in die Zukunft blicken

Anfang Mai gelang dem DAX ein seltenes Kunststück: An drei von fünf Tagen einer Börsenwoche schloss der Deutsche Aktienindex auf einem neuen Allzeithoch. Das erste Halbjahr 2017 geht gleich mit einem runden Dutzend DAX-Rekorden in die Geschichte ein. Die 30 größten Börsenwerte Deutschlands markieren unaufhörlich neue Bestmarken. Und auch anderswo in Europa und in den USA boomen die Märkte. Fast neun Jahre ist es mittlerweile her, seit die Börsen zum letzten Mal auf breiter Front einbrachen.

Die Euphorie an den Märkten sollte allerdings wachsam machen, meint Nassim Nicholas Taleb, einst Börsenhändler und heute renommierter Risikoforscher. Schließlich wolle kein Anleger enden wie der Truthahn zum Erntedankfest: Der bekommt im Laufe seines Lebens zwar immer mehr Futter – endet aber dennoch als Braten.

Tatsächlich ist die Liste potenzieller Gefahren für den Börsenboom lang: Eine unvorhergesehene Entscheidung des US-Präsidenten, ein Wiederaufflammen bewaffneter Konflikte, Rückschläge bei der wirtschaftlichen Erholung der Euro-Krisenländer – all dies könnte die Stimmung an den Märkten kippen lassen.

Nun dominieren unter den deutschen Anlegern seit jeher die Skeptiker: Jeder zweite hat laut einer Studie der Gothaer Versicherung Geld auf dem Sparbuch geparkt, jeder vierte setzt auf Tagesgeld – und verliert damit bares Geld (siehe Grafik unten). Die wenigen Wagemutigen hierzulande mit Aktien oder Investmentfonds im Portfolio (zurzeit gerade einmal jeder Sechste) fragen sich indes, ob sie sich nicht schleunigst von ihren Börsen­papieren trennen sollten.

Timo Timm sieht trotz der zunehmend fragilen Rahmenbedingungen für Anleger keinen Anlass, sich vom Kapitalmarkt zurückzuziehen: „Das größte Risiko, das Anleger derzeit eingehen können, ist, keine Risiken einzugehen“, warnt der Experte im Produktmanagement Investment bei Swiss Life Deutschland. Nur wie findet man nun das rechte Maß zwischen Sicherheit und Risiko? Und wo verläuft die Grenze zwischen Mut und Übermut?

Experten empfehlen zunächst eine nüchterne Bestandsaufnahme der eigenen Vermögenslage und Sparziele. Im zweiten Schritt lässt sich dann eine passende Investmentstrategie entwickeln, die Börsenschwankungen trotzt – und gleichzeitig mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ordentliche Rendite erwirtschaftet. Dafür ist nicht viel mehr nötig als ein Dreiklang aus Geduld, konsequentem Verhalten und einer möglichst breit gestreuten Geldanlage. Wer diese Leitsätze beachtet, investiert nicht nur auf Dauer erfolgreicher, sondern macht sein Portfolio auch unabhängiger von Marktschwankungen.


Üben, üben, üben Rund 600 Fensterputzer reinigen in New York die Wolkenkratzerfassaden. Bis in die 80er-Jahre hinein kümmerten sie sich kaum um ihre Sicherheit: Helme, Sicherungsgurte und -leinen waren die Ausnahme. Mittlerweile sind die Vorschriften strenger. So haben Gewerkschaften durchgesetzt, dass ein Fensterputzer vor seinem ersten Reinigungseinsatz 800 Stunden Training absolvieren muss.

 

Die Fotos zum Text zeigen, wie sich Menschen in Extremfällen absichern.


LEITSATZ 1: AUSDAUER BEWAHREN
Anleger brauchen einen langen Atem. Wer an der Börse heute einsteigt und ein paar Tage später wieder verkauft, kann zwar ordentliche Gewinne einfahren, aber auch jede Menge Geld verlieren: Sechs Prozent rauf, fünf Prozent runter – das ist als Wochenbilanz des DAX nicht untypisch.

Langfristig gleichen sich Schwankungen aus, und das Risiko, sein Anlageziel zu verfehlen, nimmt ab. Der DAX hat in den vergangenen fünf Jahrzehnten durchschnittlich rund sieben Prozent pro Jahr an Wert gewonnen. Wer Ende der 1960er-­Jahre in deutsche Aktien investiert hat, konnte sein Vermögen in jeder Dekade verdoppeln und besitzt heute das 30-Fache seines Einsatzes. Franz-Josef Leven, stellvertretender Leiter des Deutschen Aktieninstituts (DAI), wirbt aus diesem Grund für langfristige Anlagestrategien: „Aktien laufen zwar nicht jedes Jahr gut, aber man sollte konsequent dabeibleiben.“ Er empfiehlt, Papiere mindestens zehn Jahre zu halten, um die gewünschte Rendite zu erzielen. Der Ratschlag gilt im Grundsatz auch für Besitzer von Fonds mit Aktienanteilen, bei denen Profis einen Blick auf die Kursentwicklung haben und immer wieder das Portfolio anpassen.

Vor allem der Zinseszinseffekt spielt geduldigen Anlegern in die Karten: Wer 1000 Euro in Aktien investiert, deren Wert in einem Jahr um zehn Prozent zulegt, besitzt danach auf dem Papier 1100 Euro. Steigt nun der Kurs im Folgejahr noch einmal um zehn Prozent, wird nicht nur der ursprüngliche Einsatz verzinst, sondern die gesamten 1100 Euro. Über 30 Jahre werden so aus 1000 Euro ohne weiteres Zutun 17.450 Euro – im Schnitt hat der Anleger also jedes Jahr fast ​550 Euro dazuverdient. Wird die jährliche Dividende, die einen nicht unbeträchtlichen Teil der Gesamterträge darstellt (siehe Grafik), reinvestiert, verstärkt dies den Effekt noch.

Durchhaltevermögen zahlt sich gerade in Zeiten aus, in denen die Kurse ins Taumeln geraten. „Eine grobe Faustregel besagt, dass der Wiederaufstieg stets zwei- bis dreimal so lange dauert wie der Fall“, sagt Leven. Nach Finanzkrisen, bei denen auch die DAX-Werte in Mitleidenschaft gezogen worden waren, dauerte es in der Regel zwischen zwei und sieben Jahre, bis die Kurse wieder das alte Niveau erreichten – im Rest Europas und in den USA war das nicht viel anders.


 

Dickes Fell Bei Außeneinsätzen tragen die Astro­nauten der Internationalen Raumstation (ISS) einen Raumanzug. Das zwölf Millionen Dollar teure Kleidungsstück besteht aus mehreren Schichten Textil, Kunststoff und Metall und schützt vor extremen Temperaturen, Mikrometeoriten sowie kosmischer und ultravioletter Strahlung. Außerdem stellt es lebensnotwendigen Sauerstoff bereit. Damit der Körper im Beinahevakuum des Weltraums nicht platzt, steht der Anzug unter Druck.


LEITSATZ 2: KONSEQUENT SEIN
Langfristig agierende Investoren müssen sich keine Gedanken darüber machen, ob sie den richtigen Zeitpunkt erwischt haben, um bei einem bestimmten Anlageprodukt einzusteigen. Entscheidend ist das Timing bloß für kurzfristig handelnde Spekulanten. Auf lange Sicht hat ein anderer Faktor viel größeren Einfluss auf das Anlageergebnis, nämlich Konsequenz. Wer sein Vermögen Stück für Stück aufbaut und regelmäßig dieselbe Summe zurücklegt, kann Börsentiefs nicht nur aussitzen, sondern sogar für sich nutzen: Fallen die Kurse, kauft man für sein Geld automatisch mehr (günstigere) Anteile, steigen die Kurse, erhält man weniger (teurere) Anteile. Anlagestrategen nennen dies „Cost-Average-Effekt“.

Dabei gilt es indes, eine trügerische Warnlampe im Hirn abzuschalten, die bei Verlustgefahr anspringt. Menschen neigen dazu, Entscheidungen zu meiden, die möglicherweise negative Folgen haben könnten, und behalten lieber den bisherigen Zustand bei – selbst wenn dieser kaum Vorteile verspricht. Das liegt daran, dass Verluste im Hirn etwa dreimal stärker wahrgenommen werden als Gewinne gleicher Größenordnung. Anders gesagt: Um einen (theoretischen) Verlust von 1000 Euro gefühlsmäßig auszugleichen, braucht es einen Gewinn von 3000 Euro.

Wer sich nicht von Angst leiten lässt, sondern konsequent durchspart, egal, wo die Kapitalmärkte gerade stehen, ist auf Dauer deutlich erfolgreicher in seinem Vermögensaufbau. „Selbst mit einem kleineren Geldbetrag bietet sich so eine gute Möglichkeit, über einen langen Zeitraum ein kleines Vermögen aufzubauen“, sagt Tanja Beller, Direktorin beim Bundesverband deutscher Banken.


 

 

Qualitätsware Bis in die 60er-Jahre bestanden Kletterseile meist aus Hanffasern, die schnell spröde werden und relativ leicht reißen. Moderne Seile werden aus Polyamid gefertigt und sind nach dem Kern-Mantel-Prinzip aufgebaut: Ein Mantel umschließt einen Kern aus verflochtenen Fasern und schützt diesen vor Beschädigung. Die Mindestfestigkeit von Kletterseilen ist genormt: Geprüftes Material trägt die CE-Kennzeichnung.


LEITSATZ 3: VERMÖGEN STREUEN
Bei der Geldanlage alles auf eine Karte zu setzen, birgt Gefahren. „Acht bis zehn verschiedene Werte im Portfolio sind empfehlenswert, um das Risiko zu streuen“, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut.

Wie riskant es ist, sein Geld irgendwelchen Einzel­wetten auszusetzen, hat der US-Ökonom Harry M. Markowitz schon in den 1950er-Jahren untersucht. Der spätere Nobelpreisträger suchte nach Anlagestrategien, die bei möglichst ­geringem Risiko eine möglichst hohe Rendite abwarfen. Dabei zeigte sich ein eindeutiger Zusammenhang: Die durchschnittliche Wertschwankung gut gemischter Depots ist stets kleiner als die der einzelnen Papiere im jeweiligen Depot. Positive und negative Bewegungen einzelner Werte heben sich bis zu einem gewissen Maße gegenseitig auf. Je unterschiedlicher die Kurse einzelner Wertpapiere sich entwickeln, umso besser funktioniert die Methode.

Aus dem Motiv der Risikostreuung sind vor mehr als 240 Jahren Investmentfonds entstanden, über die Anleger in unterschiedliche Unternehmen, Branchen und Regionen investieren können. Fondsmanager mischen entweder Papiere einer bestimmten Anlageklasse (zum Beispiel Aktien) oder greifen auf Produkte aus verschiedenen Anlageklassen zurück. Die derzeit sehr beliebten Misch- beziehungsweise Multi-Asset-Fonds enthalten neben Aktien zumeist Anleihen und andere festverzinsliche Papiere und investieren oft auch in weitere Anlageklassen. Besonders gut zur Beimischung eignen sich Immobilien, deren Preisentwicklung nur wenig mit der anderer Anlageklassen korreliert. Wer Wertschwankungen in seinem Vermögen reduzieren will, kann zum Beispiel auf offene Immobilienfonds zurückgreifen, in denen mehrere Gebäude zu einem Portfolio zusammengefasst sind.

Wie und wo Anleger investieren sollten, hängt also weniger von den aktuellen Entwicklungen an den Kapitalmärkten ab als von der richtigen, langfristig ausgerichteten Strategie. Wer gut informiert eine Anlageentscheidung trifft und seiner Strategie treu bleibt, muss sich beim täglichen Blick auf die Börsenkurse keine Sorgen mehr machen.

Teuer oder billig?

Warren Buffett, einer der erfolgreichsten Investoren der Welt, prägte die wohl simpelste Regel für eine erfolgreiche Geldanlage: „Günstig kaufen, teuer verkaufen.“ Doch was in der Theorie einfach klingt, ist in der Praxis schwierig. Denn wann ist zum Beispiel eine Aktie günstig? Zwei Kennziffern helfen bei der Bewertung:

Kurs-Gewinn-Verhältnis Die oft als KGV abgekürzte Kennzahl stellt den Börsenwert in Relation zum Gewinn, den das Unternehmen pro Aktie erwirtschaftet. Ist eine Aktie für 100 Euro zu haben und fielen pro Aktie 5 Euro Gewinn an, liegt das KGV des Papiers bei 20. Je größer die Kennzahl, desto „teurer“ die Aktie beziehungsweise desto höher die Erwartungen der Investoren an künftige Gewinne. Das sogenannte Shiller-KGV vergleicht rückblickend die durchschnittlichen Kurse und Gewinne der vergangenen zehn Jahre. Mit seiner Hilfe können langfristig orientierte Anleger einschätzen, wie hoch einzelne Märkte bewertet sind. Das Shiller-KGV europäischer Aktien (MSCI Europe) lag in diesem Frühjahr ungefähr bei 17,0 – der Mittelwert seit 1980 beträgt rund 17,8.

Dividendenrendite Der Aktionär wird am Unternehmenserfolg beteiligt, und zwar in der Regel über Gewinnausschüttungen, also Dividenden. Die Dividendenrendite setzt die Ausschüttung ins Verhältnis zum Aktienkurs. Wird für eine Aktie zum Kurs von 100 Euro ein Gewinn von 5 Euro ausgeschüttet, beträgt die Dividendenrendite 5 Prozent. Im Frühjahr 2017 lag die Dividendenren­dite europäischer Aktien bei 3,3 Prozent – eventuelle Kursgewinne erhöhen die Gesamtrendite (siehe Grafik Seite oben).

 

Dreifache Sicherung Im Oktober 2012 ließ sich Felix Baumgartner mit einem Ballon in die Stratosphäre tragen – und sprang aus fast 39 Kilometern Höhe über dem US-Bundesstaat New Mexico ab. Bei seinem beinahe viereinhalbminütigen freien Fall durchbrach der Österreicher als erster Fallschirmspringer die Schallmauer. In 1600 Metern Höhe zog Baumgartner die Leine und schwebte an einem 25 Quadratmeter großen Schirm zu Boden. Sein Sicherungssystem enthielt zusätzlich einen Reserve- und einen Stabilisierungsschirm, die aber nicht zum Einsatz kamen.

Von Olaf Wittrock


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