Bislang mochten Hi-Fi-Freunde aufs Kabel nicht verzichten, wenn sie Musik auf ihrem Handy in Topqualität hören wollten. Das ändert sich. Neue Funk­technik befriedigt auch die Ansprüche höchst sensibler Ohren

Es war die radikalste Entscheidung, die Apple seit Langem getroffen hat: iPhones der jüngsten Generation 7 besitzen keine Kopfhörerbuchsen mehr. Wer sich nicht mit einem Kabel­adapter herumschlagen will, muss umsteigen auf Funkkopfhörer. Und mit den AirPods hat der Konzern gleich das passende Angebot: 179 Euro kosten die kabellosen Ohrhörer mit Freisprechfunktion – ein Preis, der suggerieren soll: Hier kaufst du echten Premiumklang. Doch ist der überhaupt möglich ohne Kupferdraht?

Bislang genießt die Funktechnik Bluetooth unter Hi-Fi-Fans nicht den allerbesten Ruf: Der Klang leidet darunter, dass die Daten zusammengestaucht werden müssen, damit die Musik ruckelfrei zu hören ist. Trotzdem kann es zu Aussetzern kommen, die Funkverbindung ist nun mal anfällig für Störeinflüsse.

Dennoch verkaufen immer mehr Anbieter von High­-End-Anlagen Bluetooth-taugliche Komponenten – getrieben von der Erkenntnis, dass Smartphone-Besitzer auch daheim ihre Musik aus den großen Boxen hören wollen, ohne ihr Gerät erst mühsam an den Verstärker anstöpseln zu müssen. Mittlerweile bieten selbst High-End-Hersteller wie NAD, Rotel, Cambridge oder Naim Bluetooth-fähige Anlagen (oder Nachrüstsätze) an. Sie alle setzen auf eine Weiterentwicklung des Funkübertragungsstandards namens aptX. Das Kürzel steht für eine bessere Aufbereitung der Klangdaten, bei der die Musik angeblich in CD-Qualität ankommen soll. Viele hochwertige Kopfhörer kommen bereits mit der neuen Technik klar. Die aktuellste Variante namens aptX HD soll sogar noch feinere Musikdaten bewältigen können.

Klingt das Ergebnis hörbar besser? Wie so oft, wenn es um Sinneswahrnehmung geht, lautet die Antwort: kommt drauf an. Prinzipiell bietet die Technik besseren Hörgenuss. Ist der Kopfhörer auf den Ohren jedoch mittelmäßig, das Gehör anspruchslos oder die Musik lediglich als MP3-Datei minderer Güte verfügbar, reißt es auch die beste Datenverbindung nicht heraus. Hinzu kommt: Längst nicht alle Smartphones unterstützen aptX. Gerätehersteller, die das Verfahren einsetzen wollen, müssen Lizenzgebühren an den Chip-Produzenten Qualcomm zahlen, der die Patente für die Technik hält. Wer sich nicht sicher ist, ob sein Telefon mit dem Standard zurechtkommt, kann auf der Website www.aptx.com nachschauen.

Apple vertraut wie so oft auf eine eigene Technik. Dass die neuen AirPods erst mit mehreren Monaten Verspätung auf den Markt gekommen sind, liegt wohl auch an dem hohen Aufwand, den die Ingenieure in die Weiterentwicklung der Funktechnik gesteckt haben – vor allem in einen eigenen Chip, der auch in den neuen Funkkopfhörern von Apples Modemarke Beats zum Einsatz kommt.

An den AirPods lässt sich ein weiterer wichtiger Techniktrend beobachten, der unseren Alltag in den kommenden Jahren prägen wird: Kopfhörer werden uns nicht mehr nur beschallen, sondern eine Verbindung zur digitalen Welt schaffen, die uns umgibt: Kopfbewegungen und gesprochene Anweisungen lösen den Befehl des Fingers auf dem Display oder einer Taste ab. Künstliche Intelligenz wie Apples Siri oder Amazons Alexa wandelt die Befehle in digitale Anweisungen um.

An solchen klugen Ohrstöpseln, sogenannten Hearables, versuchen sich auch Hersteller wie Sony und Samsung. Zu den Pionieren in dieser Produktgattung gehört unter anderem ein deutsches Start-up: Die kabellosen Ohrstöpsel Dash des Münchner Herstellers Bragi lassen sich mit Wischgesten und Kopfbewegungen steuern. Zudem messen sie im Ohr den Puls des Trägers und zeichnen sportliche Aktivitäten auf – sogar beim Schwimmen. Gerade ist Bragi eine Allianz mit dem Elektronikkonzern IBM eingegangen, dessen intelligenter Supercomputer Watson die ­Hearables um weitere Funktionen bereichern könnte, etwa die eines Simultandolmetschers. Die US-Firma Doppler Labs bietet Kunden zusätzliche Varianten: Mit ihren Stöpseln lassen sich ganz nach persönlichem Geschmack bestimmte Klangarten ausblenden oder verstärken.

Wem das zu viel Zukunftsmusik ist: Auch die guten alten Kopfhörer lassen sich an jedes neue iPhone anschließen. Der Klangexperte Astell & Kern bietet für 189 Euro einen Bluetooth-Empfänger mit Kopfhörerbuchse an – und verlängert so das Leben der bewährten Hi-Fi-Technik.

Von GEORG DAHM


HERZSTÜCK Der Verstärker Cambrigde CXA 60 hat auch einen USB-Eingang für Laptops und kann mit dem Bluetooth-Empfänger BT100 (99 Euro) funkfähig gemacht werden. 799 Euro, z. B. bei hifi-regler.de


BEIFAHRER Hat das Autoradio kein Bluetooth, aber eine Line-in-Buchse,
hilft der Empfänger Anker SoundSync Drive. 16 Euro, z. B. bei amazon.de


OHRENSCHMEICHLER Den Funk-Bügelkopf­hörer AKG Y50BT können auch Erwachsene mit Würde tragen. 135 Euro, z. B. bei thomann.de


KLANGVEREDLER Der DA-Wandler Arcam irDAC-II bereitet gefunkte
Digitalmusik für die Hi-Fi-Anlage auf. 599 Euro, schlauershoppen.de


DAUERGAST Die Blue­tooth-Ohrstöpsel Bragi Dash sind gleichzeitig Pulsmesser,
Sport­tracker und schwimmtauglicher MP3-Player. 299 Euro, bragi.com


SOLITÄR 1690 Euro für ein paar Laut­sprecher? Ja, aber die beeindruckend guten High-End-Boxen Dynaudio Xeo 4 haben nicht nur Bluetooth, sondern auch den Verstärker schon an Bord und ersetzen so eine ganze Anlage. Z. B. bei rakuten.de